unsere zeit - Zeitung der DKP2. März 2012

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Erdogans Maske ist gefallen
Gespräch mit dem türkischen Sänger Cetin Oraner

Cetin Oraner (45) ist ein bekannter türkischer Sänger, der sich für die Gleichberechtigung des kurdischen Volkes einsetzt und die Rechte aller ArbeiterInnen in der Türkei in seinen Liedern verteidigt. Ihm droht in der Türkei eine 15-jährige Haftstrafe wegen "Propaganda für eine verbotene Organisation" (gemeint ist damit die PKK). Unter diesem Vorwand wurden in den letzten Monaten mehr als 8 000 Menschen in der Türkei festgenommen, darunter viele Intellektuelle, KünstlerInnen, JournalistInnen und vor allem AktivistInnen der kurdischen Partei des Friedens und der Demokratie (BDP). Cetin Oraner ist Mitglied der DKP München.

UZ: Cetin, nur einen Tag vor einer Reise in die Türkei im letzten Dezember bekamst du von einem Freund den Anruf, nicht in die Türkei zu kommen, da gegen dich ein Haftbefehl vorliegt. Was wird dir konkret vorgeworfen?

Cetin Oraner: Ich war nicht überrascht, weder über den Haftbefehl noch über das Strafverfahren gegen mich. Grund für die Anklage war eine Rede, die ich 2011 bei einer Wahlkundgebung der BDP in Diyarbakir gehalten habe. Aber auch sonst waren meine Lieder und ich als türkischer Künstler der mit der kurdischen Befreiungsbewegung sympathisiert, dem Staat ein Dorn im Auge. Überrascht war ich nur darüber, in welcher Windeseile der Staatsanwalt die Anklageschrift verfasst hat - wenn man bedenkt, dass tausende anderer GenossInnen, die im Rahmen der KCK-(Union der Kommunen Kurdistans) Operationen seit Jahren in den Gefängnissen sind, noch nicht einmal eine Anklageschrift zu sehen bekommen haben. Nach dem Telefongespräch habe ich alles weitere über die Medien erfahren. Ich bin sozusagen der erste Künstler, der im Laufe der KCK-Operationen beschuldigt wird, Propaganda für eine illegale Organisation betrieben zu haben. Kurz nachdem meine Situation bekannt wurde, erklärte der türkische Innenminister: "Künstler sollen sich gefälligst nur um ihre Kunst kümmern". Im Klartext bedeutet das: Sie wollen mit meinem Fall ein Exempel statuieren. Dies empfinde ich unter den gegenwärtigen Verhältnissen als eine besondere Ehre.

UZ: Wie schätzt du die Taktik des türkischen Staates ein, jetzt auch KünstlerInnen und Intellektuelle, die oftmals mit der kurdischen Bewegung nicht in direktem Kontakt standen, zu inhaftieren und jeden kritischen Gedanken einzusperren versuchen?

Cetin Oraner: Die Erdogan-Regierung kam mit dem Argument der Demokratisierung an die Macht. Mit dem Slogan der "kurdischen Öffnung" haben viele auf eine friedliche Lösung der Kurden-Frage gehofft. Doch dabei wurde übersehen, dass die AKP bzw. Erdogan ein neues Konzept des Imperialismus waren, das nicht nur für die Türkei und Kurdistan ausgearbeitet wurde, sondern als Modell für den ganzen Mittleren Osten und Nordafrika eine Rolle spielen sollte. Der national-faschistische Staat wird ersetzt durch einen neoliberal-islamistischen Staat. Das alte Übel wird ersetzt durch das neue Übel. Der Arabische Frühling wurde durch dieses Konzept zum Arabischen Herbst. Die Erdogan-Regierung hatte und hat den Staatsapparat so weit unter Kontrolle, dass die Maske der Demokratisierung fiel und die hässliche Fratze eines "grünen Faschismus" (Grün ist die Farbe des Islam - Red.) zum Vorschein trat. Spätestens nachdem die KCK-Operationen begannen und die ersten gewählten kurdischen bzw. BDP-BürgermeisterInnen verhaftet wurden, wäre ein Aufschrei aller Intellektuellen notwendig gewesen. Doch leider schwiegen die meisten. Nun sind sie an der Reihe und der "grüne Faschismus" macht mit ihnen kurzen Prozess.

UZ: Wieso hat der türkische Staat so große Angst vor den KurdInnen? Besteht die kurdische Bewegung wirklich nur aus der bewaffneten PKK?

Cetin Oraner: Die HDK (Demokratischer Kongress der Völker), die aus einem erfolgreichen Wahlbündnis 2011 (mit immerhin 36 Abgeordneten im türkischen Parlament vertreten) hervorging und im letzten Herbst gegründet wurde, ist das beste Beispiel dafür. Neben kurdischen VertreterInnen, sind große Teile der türkischen Linken, Gewerkschafter, Armenier, Assyrer, Aleviten, Frauenorganisationen, kurz alle Unterdrückten in ihm vertreten. Denn sowohl das Wahlbündnis wie die HDK waren und sind ein Projekt des PKK-Vorsitzenden Öcalan. Unter unmenschlichen Bedingungen der Isolationshaft hat er diese Projekte erarbeitet und jahrelang für deren Verwirklichung gearbeitet. Nun sind sie Realität. Dieses Bündnis ist etwas Einmaliges in unserer Geschichte. In seinem Grundsatz unterstreicht es neben dem Frieden die Notwendigkeit einer ökologisch-demokratischen autonomen Gesellschaft für alle Völker der Region. Dies macht dem "grünen Faschismus" bzw. dem Imperialismus Angst. Die führende Rolle der PKK macht ihnen Angst. Wenn ihr Konzept in Kurdistan misslingt, verlieren sie in der Türkei und somit in der ganzen Region! Angesichts dieser Tatsachen, die PKK nur als eine "bewaffnete Organisation", ja sogar als "Randerscheinung", abzutun ist daher der größte Schwachsinn überhaupt. Die bürgerlichen Meinungsmacher in der Türkei und im Westen haben es sich seit Jahrzehnten zur Aufgabe gemacht, bewusst diesen Schwachsinn in der Öffentlichkeit zu verbreiten. Nur so können sie den schmutzigen Krieg gegen das kurdische Volk legitimieren. Aber dann dürfen sie sich auch nicht wundern, wenn das kurdische Volk Widerstand leistet, in welcher Form auch immer.

UZ: Wie geht es jetzt weiter in deinem Prozess? Wirst du dich persönlich verteidigen oder wird eine Reise in die Türkei für dich erst mal unmöglich sein? Wie können wir Solidarität zeigen, mit dir und allen anderen von Repression betroffenen?

Cetin Oraner: Der nächste Gerichtstermin ist am 28. März. Ehrlich gesagt bin ich hin und her gerissen. Natürlich würde ich lieber nach Diyarbakir gehen und mich dort selbst verteidigen. Aber der Haftbefehl besteht ja noch und die Justiz ist fest in der Hand der Islamisten. Von daher ist derzeit der Ausgang des Verfahrens ungewiss. Aus diesem Grund werde ich wohl oder übel die nächste Zeit abwarten. Aber nichtsdesto trotz werde ich natürlich mit der Musik und der politischen Arbeit hier weiter machen.

Zur Frage der Solidarität: Die BRD ist einer der größten Waffenlieferanten der Türkei. Somit ist sie mitschuldig. Dies kann nicht oft genug erwähnt werden. Solidarität mit Öcalan und den politischen Häftlingen ist für die demokratischen Kräfte in der Türkei und Kurdistan lebenswichtig. Exil-Strukturen der kurdischen Befreiungsbewegung in der BRD und Europa sind wichtige Anlaufpunkte dafür. Wie heißt es so schön: Unser Kampf ist international!

UZ: Danke für das Interview. Wir stehen solidarisch an deiner Seite.

Die Fragen stellte
Kerem Schamberger


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